Die längste Fahrt

(Trotz der schlechten aber dafür teuren Internetverbindung mit ein paar Bildern am Ende)

Mein Wecker klingelt. Halb fünf Uhr morgens. Äthiopien ist groß und um weite Strecken zurückzulegen, wir früh losgefahren. Immerhin werde ich dann gegen 15 Uhr in Shire sein und dort noch einen Bus nach Aksum erwischen.
Punkt fünf Uhr wird das Tor zum Busbahnhof aufgeschlossen und die Massen stürzen sich auf die besten Plätze. Ich erwische einen Fensterplatz und zwischen Knien und Rückenlehnen des vorderen Sitzes ist sogar ein ganzer Zentimeter Platz. 11 Stunden Fahrt? Kein Problem.
Doch nach 100 Meter fahrt halten wir an und die Mannschaft beginnt am Motor herumzuschrauben. 40 Minuten später geht es weiter. Wieder nur 100 Meter und wir stehen schon wieder. Der Bus ist kaputt. Nach 1½ Stunden kommt der Ersatzbus. Wieder Gedränge um die besten Plätze. Ein alter Mann verscheucht die Leute, die vor mir Sitzen mit einer Handbewegung auf mich. Ich höre nur das Wort Faranji heraus, aber da er im letzten Bus vor mir saß, will er das jetzt auch wieder. Endlich fahren wir aus Gonder heraus.
Die Straße führt uns zunächst über die Hochebene, bis diese irgendwann zu Ende ist und ziemlich spektakulär über schroffe Schluchten und Täler in tiefer gelegenere Ebene übergeht. Die Straße ist nicht mehr asphaltiert aber der Fahrer versucht die Verspätung nicht aufzuholen, sondern fährt vorsichtig. Die Ehefrau des alten Mannes vor mir tauscht trotzdem mit ihm den Platz, damit sie die Steilen Abhänge nicht sieht, an denen wir haarscharf vorbeifahren.
Dennoch betrachtet sie voller Begeisterung die Landschaft und freut sich jedesmal, wenn ich ein Photo mache. Anders als in vielen anderen Ländern bleiben hier die Vorhänge nicht vor den Fenstern gezogen, sondern die Leute schauen sich ihre spektakuläre Landschaft selbst auch an.
Die Straße wird gerade ausgebaut und irgendwo gab es einen Erdrutsch oder wir kommen dank unserer Verspätung zu spät an der Baustelle an und die Arbeiten haben begonnen. Wir warten etwa zwei Stunden in der Mittagssonne, bis wir weiter fahren können.
Ich breche meine zweite Packung Kekse an und beginne das zweite Buch zu lesen.
Beim kurzen Stopp im nächsten Dorf werden die Dorfbewohner vom Bus aus gebeten, Wasser zu kaufen. Die staubige Straße fordert Tribut und wir haben alle trockene Kehlen.
Endlich wird die Straße wieder asphaltiert, wir sind „unten“ angekommen und es geht quasi geradeaus weiter, als wir wieder anhalten. Die Mannschaft beginnt die hintere Achse auseinanderzubauen. Es Dampf heiß.
Auch der zweite Bus ist kaputt, wir bekommen ein Viertel des Fahrpreises zurück und den Hinweis, daß die Fahrt zu Ende ist und wir uns privat um einen Transport kümmern müssen.
Mein erster Fall von „Dies ist Afrika“. Mittlerweile ist es dunkel und mein Sitznachbar, Martin aus Kenia und ich versuchen die Lastwagen, die von der Baustelle kommen anzuhalten, um auf der Ladefläche mitzufahren. Doch wir müssen ein Stück laufen, bis und ein Pickup ins nächste Dorf mitnimmt.
Alle Mitreisenden sind um unser Wohl bemüht und zu sechst wir finden ein Guesthouse (mit 30 Birr (1.25 €) meine bisher günstigste Unterkunft), das ein Zimmer mit Bett und eine Gemeinschaftsdusche bietet, etwas zu Essen und genügend Schlaf.
Am nächsten morgen ist beinahe ausschlafen angesagt: um 6 Uhr trommelt es an meine Tür. Auf zum Busbahnhof. Im Minibus geht es nach Shire und von dort weiter nach Aksum. Kaum das wir die Regionsgrenze von Amharia nach Tigray überschritten haben, werden alle paar Kilometer unsere Ausweise kontrolliert. Eritrea ist kaum 60 Kilometer entfernt und die Grenze ist immer noch nicht richtig demarkiert. Ich vermute, daß man daher Misstrauen hegt. Andererseits kommt Martin mit seinem US-amerikanischen Führerschein problemlos durch die Kontrollen.
Gegen 10 Uhr morgens erreichen wir guter Dinge Aksum.
Ich bin wieder voll im Reise-Modus.

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One Response to Die längste Fahrt

  1. Jens says:

    Frohe Weihnachten Dirk!

    Danke für deine Weihnachtsgrüße heute! Lese wieder einmal in deinem Blog und sage jedes Wort auf! In 136 Tage geht es bei mir los nach Äthopien und daher bin ich gespannt auf deine weiteren Bericht! Also, feiere schön und “travel save”!

    Sonnige Grüße
    Jens

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